6. Juli 2026
The Citizen Is Present
Einen verletzten Ort bezeugen
The Citizen Is Present ist eine Art Kunstperformance mit dem Bestreben, Präsenz in den öffentlichen Raum zu bringen. Bevor du diesen Artikel liest, macht es vielleicht Sinn, dir auf meiner Website die Infos zu diesem Projekt durchzulesen. Dann kannst du die Aktion besser einordnen.
The Citizen Is Present in PÖDELWITZ : 2 Tage haben wir dort verbracht und den immer noch aktiven Tagebau bezeugt. Pödelwitz gehört zum Tagebau Vereinigtes Schleenhain. Durch die Privatisierung der Tagebaue in Mitteldeutschland wurde dieses Gebiet südlich von Leipzig von der MIBRAG mbH übernommen.

Seit 1953 wurde und wird auf einem riesigen Areal der Städte Groitzsch, Neurieritzsch und Regis-Breitingen Kohle abgebaut. Viele Menschen wurden seitdem umgesiedelt. Man spricht in diesem Zusammenhang von Devastierung. Devastieren bedeutet, etwas gänzlich zu zerstören, zu verwüsten und unbewohnbar zu machen. 1957/58 wurden 20 EinwohnerInnen des Dorfes Hagenest umgesiedelt. 70 EinwohnerInnen aus Kleinhermsdort/Nehmitz mussten 1960/61 dem Tagebau weichen. In Schleenhain wurden 1967/68 270 EinwohnerInnen umgesiedelt.1982/83 wurde auch das Dorf Droßdorf mit seinen 300 EinwohnerInnen zu einer Tagebaugrube devastiert. Der letzte Ort, der dem Tagebau Schleenhain weichen musste, war Breunsdorf mit 450 EinwohnerInnen zwischen 1987 und 1994. Insgesamt wurden im Tagebau Schleenhain, Peres, Groitzscher Dreieck und Vereinigtes Schleenhain insgesamt 2494 Menschen umgesiedelt!
Im November 2005 erhielt die MIBRAG die Genehmigung, den Ort Heuersdorf mit seinem Ortsteil Großhermsdorf im Süden von Leipzig abzubaggern - mit der Folge, dass die Emmauskirche nach Borna umgesetzt wurde.
Im Januar 2021 wurde bekannt gegeben, dass die MIBRAG "nur noch" bis maximal 2035 statt 2040 dort fördern wird.
Pödelwitz bleibt!
Pödelwitz ist ein 700 Jahre altes Bauerndorf, dass sich gegen die geplante Devastierung durch die MIBRAG erfolgreich zur Wehr gesetzt hat. Jahrelang haben die Menschen dort gekämpft und schließlich gewonnen. Dieser Kampf hat viel Kraft und Nerven gekostet, über zwei Drittel der einstigen EinwohnerInnen haben ihr Zuhause trotzdem verlassen. Die MIBRAG kaufte 80% der Häuser auf, die abgerissen werden sollten. Dank des geplanten Kohleausstiegs stehen nun seit 2021 die historischen Hofanlagen und Häuser leer und sind dem Verfall ausgesetzt.

Die MIBRAG gibt diese Schätze weder zur Sanierung noch zum Verkauf frei. Derzeit leben ca. 35 Menschen dort. Einige versuchen durch den Verein Pödelwitz hat Zukunft diesen wunderschönen Ort wieder neu zu beleben. Ein besonderes Projekt vor Ort ist der Vierseithof. AktivistInnen, die dazu beigetragen haben, das Pödelwitz bleiben konnte, versuchen hier eine Vision umzusetzen: Einen Ort für inklusives Wohnen, Betreuungsangebote, eine SoLaWi. Es geht um ein lebendiges Dorfleben, nachhaltig, gemeinschaftlich, inklusiv.
Durch private Verbindungen zu dem Projekt war es uns als Gruppe möglich, dort für 2 Tage Unterschlupf zu finden und das Gemeinschaftshaus zu nutzen. Vielen Dank dafür!

Hier kommen unsere einzelnen Stimmen, eine zusammengetragene Essenz unseres Bezeugens am 29. und 30.05.2026
Wir durchdringen lauschend immer tiefer den Raum. Der Anblick der tiefen Wunde des Braunkohleabbaus schmerzt und zugleich erscheint sie sinnvoll, wenn ein Vater seinem Sohn bei einem Besuch des Aussichtspunkts erklärt, dass hier Strom gemacht wird. Wenn beides nebeneinander stehen darf, kann Heilung entstehen. Die Wunde, die der Abbau der Erde zufügt, lässt mich fragen: Wo erinnert mich die Erdwunde an meine eigenen Wunden?
Die Wunde hat Struktur und mehrere Ebenen. Wie lebt diese Struktur in uns? Die Menschen, die aus Pödelwitz weggegangen sind und dafür Geld bekommen haben, sind in gewisser Weise vertrieben worden. Viele Lebensstränge sind aus diesem Ort herausgeströmt. Verwurzelte Lebensenergie abgewandert. Die Erfahrung der abgeschnittenen Wurzeln schließt an meine (unsere) eigeneAhnengeschichte an, die sich immer und immer wieder wiederholt - individuell und kollektiv. Vertreibung. Ein Akt der Gewalt, versinnbildlicht durch den riesigen Bagger, der mit seinen Schaufeln unermüdlich in den lebendigen Körper der Erde greift und Kohle fördert - ohne den Boden, die Erde auch nur ein einziges Mal zufragen!
Womit identifiziere ich mich in dieser Geschichte?
Wie trage ich dazu bei?
Die Baggerwunde ist der Spiegel unsere eigenen inneren Wunden und es braucht Raum in mir, damit ich mir solche Fragen überhaupt stellen kann. Es braucht einen SeinsRaum, Präsenz, um wirklich hinhören zu können - auf die Stimme der Erde und auf die Stimme in mir, so dass ich nichts übergehe und dem folgen kann, was wirklich dran ist. Ich spüre die tiefe Erschütterung von Gewalttätigkeit und dieser unfassbaren Dimension von NEHMEN.
Kaufkraft wird zu KaufGEWALT.
Und ich spüre Trauer angesichts der destruktiven Dynamiken überall in unserer Welt. Gleichzeitig spüre ich, dass das PRINZIP LEBEN in allem wirkt - innerhalb und außerhalb. Leben findet immer statt und beinhaltet all das.
Wenn ich mich in diese Wunde einfühle, höre ich die Erde sagen:” Mich hat niemand vorher gefragt!”
Der eigentliche Schmerz liegt für mich darin, dass keine Beziehung da ist und Grenzen nicht gewahrt werden: Zwischen Mensch nicht und zwischen den Menschen und der Erde nicht. Und manchmal fühle ich diese Trennung auch in mir. Wie kriege ich meine eigenen Grenzen und meine innere Stimme mit, die mir z.B. sagt:” Es ist genug!” Wenn ich mich und meine Grenzen wahrnehmen kann, kriege ich auch die Erschöpfung mit - meine eigene und die der Erde - und kann ihr Raum geben, statt sie einfach zu übergehen. Ich muss bei mir selbst anfangen, die Trennung zu fühlen und sie in Kontakt bringen. Dieser Schritt in die Bewußtwerdung ist für mich die Voraussetzung für einen anderen, bezogeneren Umgang mit der Welt. Veränderung beginnt bei uns selbst. Erst wenn wir diesen Schritt gehen, können wir auch mit der Frage gehen: “Wie können wir die Energiefrage kollektiv bewegen”?
Es ist wie ein Kampf “David gegen Goliath”. Eine Hand voll Menschen gegen diesen Giganten Mibrag. Liebe gegen Kapital. Vertrauen gegen Kontrolle. Eine lebensdienliche Vision gegen grenzenlose Profitgier. Wiederherstellung und Pflegnutzung gegen Ausbeutung und Zerstörung. Erschöpfung und Schöpfung. Wer hat den längeren Atem, wer die Macht? Ist ein Miteinander statt ein Gegeneinander irgendwann möglich? Wird der “stete Tropfen” den Stein aushöhlen, so dass neuer Raum entsteht, neue Möglichkeiten Fuß fassen können? Wird das Dorf zu neuem Leben erwachen und anderen Menschen Heimat werden?
Was hat das Leben für diesen Ort vorgesehen?

Hast du Interesse, mehr über den Ort, den Verein oder das Projekt zu erfahren?
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